Ich werde oft gefragt: "Wenn Sie glauben, dass Gott alles nach dem Rat seines
Willens wirkt (Epheser 1,11) und dass er alle vergangenen, gegenwärtigen und
zukünftigen Dinge unfehlbar kennt, warum sollte man dann noch dafür beten, dass
etwas bestimmtes geschieht?" Gewöhnlich wird diese Frage bezüglich der
menschlichen Entscheidungsfreiheit gestellt: "Wenn Gott einige dazu
vorherbestimmt hat, seine Kinder zu sein, und sie vor Grundlegung der Welt dazu
erwählt hat (Epheser 1,4.5), warum sollte man dann überhaupt noch für die
Bekehrung von jemandem beten?"
Dieses Argument besagt implizit, dass Gebet für alle Menschen nur dann
möglich ist, wenn alle Menschen die Möglichkeit der freien Willensentscheidung
haben. D.h. die Entscheidung des Menschen müsse letztendlich seine Sache sein
und nicht Gottes. Andernfalls wären seine Entscheidungen von Gott vorherbestimmt
und in Wirklichkeit in Gottes ewigem Ratschluss fest gemacht. Wir wollen nun
anhand des oben zitierten Beispiels prüfen, ob dieses Argument schlüssig
ist.
1. "Warum sollte man für die Bekehrung von jemandem beten, wenn Gott vor
Grundlegung der Welt erwählt hat, wer seine Kinder sein werden?" Jemand, der
sich bekehren muss, ist "tot in Übertretungen und Sünden" (Epheser 2,1); er ist
"unter die Sünde versklavt" (Römer 6,17; Johannes 8,34); "der Gott dieser Welt
hat seinen Sinn verblendet, damit er das Licht des Evangeliums der Herrlichkeit
Christi nicht sieht" (2. Korinther 4,4); sein Herz ist gegen Gott verhärtet
(Epheser 4,18), sodass er Gott gegenüber feindlich und in Rebellion gegen Gottes
Willen lebt (Römer 8,7).
Nun möchte ich die Frage in umgedrehter Form an den Fragesteller richten:
Wenn Sie darauf bestehen, dass dieser Mensch sich letztendlich Kraft seines
Willens frei entscheiden kann, warum beten Sie dann überhaupt für ihn? Was
möchten Sie, solle Gott für diesen Menschen tun? Sie können Gott nicht bitten,
die Rebellion dieses Menschen zu überwinden, denn zu dieser Rebellion hat er
sich ja gerade selbst entschlossen, und das würde bedeuten, dass Gott sich über
die Entscheidung dieses Menschen hinwegsetzt und ihm seine Entscheidungsfreiheit
wegnimmt. Aber wie kann Gott ihn retten, wenn er nicht das Herz dieses Menschen
ändert und das verhärtete, feindselige Herz austauscht gegen ein Herz des
ergebenen Glaubens?
Wollen Sie dafür beten, dass Gott den Verstand dieses Menschen erleuchte,
damit er Christus wirklich erkennt und an ihn glaubt? Wenn Sie dafür beten,
bitten Sie Gott im Endeffekt nicht mehr, die Entscheidung dieses Menschen seinem
eigenen Willen zu überlassen, sondern dann bitten Sie Gott, etwas am Verstand
bzw. Herzen dieses Menschen zu bewirken, was zur Folge hat, dass er wirklich
sieht und glaubt. D.h. Sie gestehen damit ein, dass die letztendliche
Entscheidung darüber, ob dieser Mensch auf Jesus Christus vertrauen wird, nicht
bei ihm selbst liegt, sondern bei Gott.
Was ich damit sage: Nicht die Lehre von der Souveränität Gottes widerspricht
Gebeten für die Bekehrung von Sündern. Ganz im Gegenteil: Die unbiblische
Auffassung, die Bekehrung beruhe auf einer freien Willensentscheidung des
Menschen, macht jegliche Gebete für Verlorene sinnlos. Gebet ist die Bitte, dass
Gott etwas tun möge. Doch das einzige, was Gott tun kann, um einen verlorenen
Sünder zu retten, ist, sein Widerstand gegen Gott zu brechen. Wenn Sie darauf
bestehen, dass der Sünder seinen freien Willen behalten muss, dann bestehen Sie
damit darauf, dass er ohne Christus bleibt. Denn "niemand kann zu Christus
kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben" (Johannes 6,65.44).
Nur wer die Auffassung vom "freien Willen" ablehnt, kann sinnvollerweise Gott
bitten, einen Verlorenen zu retten. Ich bete für Ungläubige, dass Gott an ihnen
das tut, was er auch bei Lydia getan hat: Er öffnete ihr Herz, sodass sie Acht
gab auf das, was Paulus sagte (Apostelgeschichte 16,14). Ich bete, dass Gott,
der einst sprach, "Es werde Licht!", durch dieselbe Schöpfermacht "aufleuchtet
in ihrem Herzen zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im
Angesicht Jesu Christi" (2. Korinther 4,6). Ich bete, dass Gott "das steinerne
Herz aus ihrem Fleisch wegnimmt und ihnen ein fleischernes Herz gibt" (Hesekiel
36,26). Ich bete, dass sie wiedergeboren werden "nicht aus dem Willen des
Fleisches noch aus dem Willen des Menschen, sondern aus Gott" (Johannes 1,13).
Und bei all meinem Gebet versuche ich "milde zu sein, lehrfähig, duldsam ... ob
ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit" (2. Timotheus
2,24-26).
Kurz gesagt, bitte ich Gott nicht, nur geduldig abzuwarten, ob mein Bekannter
sich nicht doch noch für ein anderes Leben entscheidet. Ich empfehle Gott nicht,
ihn in Ruhe zu lassen, damit nicht etwa seine Erkenntnis unwiderstehlich wird
und er den freien Willen meines Bekannten verletzt. Nein! Ich bete, dass er
meinen ungläubigen Bekannten mit seiner Erkenntnis überwältigt, dass er den
versklavten Willen befreit, dass er den Toten lebendig macht und dass er sich
durch keinen Widerstand davon abhalten lässt, damit mein Bekannter nicht
verloren geht.
2. Wenn nun jemand sagt: "O.k., angenommen, die Bekehrung eines Menschen
hängt letztendlich wirklich von Gott ab, verstehe ich immer noch nicht, welchen
Sinn Gebet macht. Wenn Gott vor Grundlegung der Welt erwählt hat, wer gläubig
wird, welche Aufgabe erfüllt dann unser Gebet?" Darauf antworte ich, dass es
eine ganz ähnliche Aufgabe erfüllt wie die Evangeliumsverkündigung: Wie sollen
die Verlorenen an den glauben, von dem sie nicht gehört haben, und wie sollen
sie hören ohne einen Prediger, und wie sollen sie predigen, wenn sie nicht
gesandt sind (Römer 10,14f.)? Der Glaube an Christus ist eine Gabe Gottes
(Johannes 6,65; 2. Timotheus 2,25; Epheser 2,8), aber Gott hat verordnet, dass
Menschen durch das Mittel der Evangeliumsverkündigung zum Glauben an Jesus
Christus kommen. Es ist einfach naiv, wenn man sagt, dass die Erwählten sich
sowieso bekehren würden, auch wenn niemand das Evangelium verkündet. Das ist
deshalb naiv, weil es die Tatsache ignoriert, das die Verkündigung des
Evangeliums genauso zuvorbestimmt ist wie der Glaube an das Evangelium: Paulus
wurde zum Verkündigungsdienst ausgesondert, bevor er geboren wurde (Galater
1,15), gleiches gilt für Jeremia (Jeremia 1,5). Die Frage: "Würden die Erwählten
gerettet, wenn wir nicht evangelisierten?", kommt deshalb der Frage gleich:
"Würden die Erwählten gerettet, wenn es keine Erwählung gäbe?" Gott kennt die
Seinen und er wird Boten erwecken, um sie zu gewinnen. Wenn sich jemand weigert,
Bestandteil dieses Planes zu sein, weil ihm der Gedanke missfällt, da
hineingenommen zu werden, bevor man geboren ist, dann werden weder Gott noch die
Erwählen die Verlierer sein, sondern er. "Man wird gewiss in jedem Fall der
Absicht Gottes dienen, wie immer man auch handelt, aber es ist ein Unterschied,
ob man der Absicht Gottes dient wie Judas oder wie Johannes." (Problem of Pain
Kapitel 7, Anthology, S. 910, vgl. S. 80)
Gebet gleicht der Evangeliumsverkündigung darin, dass es eine menschliche
Handlung ist. Sie ist eine menschliche Handlung, die Gott verordnet und an der
er Gefallen hat, weil sie die Abhängigkeit seiner Geschöpfe von ihm ausdrückt.
Er hat verheißen, Gebet zu erhören, und seine Erhörung hängt in dem Maße von
unserem Gebet ab, wie unser Gebet in Übereinstimmung mit seinem Willen steht.
"Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass er uns hört, wenn wir
etwas nach seinem Willen bitten" (1. Johannes 5,14). Wenn wir nicht wissen, wie
wir gemäß dem Willen Gottes beten sollen, diesen aber ernstlich wünschen,
"verwendet sich der Geist Gottes für uns Gottes Willen gemäß" (Römer 8,27).
Anders gesagt: So wie Gott darauf achtet, dass sein Wort verkündet wird als
Mittel zur Errettung der Erwählten, so achtet er auch darauf, dass all jene
Gebete gebetet werden, deren Erhörung er verheißen hat. Ich denke, dass die
Worte des Paulus in Römer 15,18 gleichermaßen für seine Verkündigung gelten wie
auch für seinen Gebetsdienst: "Ich würde nicht wagen, etwas davon zu sagen, wenn
nicht Christus es durch mich gewirkt hätte, um die Heiden zum Gehorsam zu
bringen durch Wort und Werk." Sogar unsere Gebete sind eine Gabe von dem Einen,
der "in uns schafft, was vor ihm wohlgefällig ist" (Hebräer 13,21). O wie
dankbar sollen wir sein, dass er uns erwählt hat, an diesem hohen Dienst
beteiligt zu sein! Wie eifrig sollten wir sein, viel Zeit im Gebet zu
verbringen!
© John Piper, 1976
© der dt. Übersetzung: Betanien Verlag, 2002 (posted
with permission)
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